Vier erstklassige Kammermusikabende während eines Winters - der Allgemeinheit zugänglich-, das war in Ingolstadt noch nicht da! Mit etwas Bangen wurde das Wagnis unternommen. Aber das Experiment, das der Ingolstädter Sanitätsrat Ludwig Liebl auf eigenes unternehrnerisches Risiko im Kriegswinter 1916/17 durchführte, wurde ein voller Erfolg. Die Konzerte kamen so gut bei den Ingolstädtern an, dass Liebl und ein kleiner Kreis musikbegeisterter Bürger beschlossen, einen Verein zu gründen: den Konzertverein Ingolstadt. Die Konzerte, die im Saal des Offizierskasinos durchgeführt wurden - dem Spiegelsaal im heutigen Kolpinghaus -, hoben sich deutlich von den üblichen Konzerten in Ingolstadt ab, bei denen eher Militärkapellen oder Amateur - Ensembles auftraten. Bereits das zweite Konzert widmete sich einem damals zeitgenössischen Komponisten, dem gerade verstorbenen Max Reger. Der Hintergrund für diese Entscheidung ist offensichtlich: Ludwig Liebl hatte bei Reger in München Komposition studiert. In den folgenden Jahren sollten immer wieder Werke von Reger auf dem Programm des Konzertvereins stehen. Wie überhaupt zeitgenössische Musik einen großen Raum einnahm.

Pech mit den großen Sopranistinnen

Im Frühjahr 1917 kam es dann zu einem Aufruf, sich mit einem Betrag von zehn Mark als Mitglied bei dem neu zu gründenden Konzertverein zu beteiligen. Dieser Betrag sollte ausreichen für jährlich vier Konzerte. Dem Angebot folgten rund 300 Bürger, sodass der Verein mit einem Kapital von 3000 Mark am 10. Oktober gegründet werden konnte. Ludwig Liebl wurde durch Zuruf der 21 anwesenden Herren zum Vereinsvorsitzenden akklamiert. Das erste Konzert fand am 12. November statt, ein Liederabend mit der Sopranistin Philippine Landshoff aus München. Irgendwie schien der Konzertverein bei seinem ersten Konzert jedoch vom Pech verfolgt zu sein. Denn die Sängerin Landshoff sprang bereits kurzfristig für Marie-Lydia Günther ein. Und die wiederum war bereits ein Ersatz für Hermine Bosetti, die ihrerseits drei Tage vor dem Konzert abgesagt hatte - zum zweiten MaI übrigens. Denn Bosetti sollte bereits ein Jahr zuvor bei einem der von Liebl organisierten Konzerte auftreten. In der "Ingolstädter Zeitung" stand daher lakonisch: "Den Konzertvereinsmitgliedern diene zur weiteren Kenntnisnahme, dass das Möllendorf- Streichquartett am Freitag, den 14. Dezember 1917, hier auftreten wird. Gott sei Dank pflegen Violinen und Cellos nicht so leicht heiser zu werden bzw. abzusagen, wie Künstlerinnen. "

Gründerjahre mit internationalen Stars

Bereits in den ersten Jahren des Konzertvereins kamen internationale Stars nach Ingolstadt, deren Namen auch heute noch bekannt sind. So konzertierten etwa der Pianist Wilhelm Backhaus und der Geiger Felix Berber. Außerdem kam das Gewandhaus-Quartett (das auch heute noch beim Konzertverein auftritt). Und 1922 gastierte sogar der legendäre Pianist Walter Gieseking. Viele der ersten Konzerte waren einem bestimmten Komponisten gewidmet. So gab es Konzerte mit Werken von Frederic Chopin, Hans Pfitzner, Richard Wagner oder Ludwig van Beethoven. Die ersten Veranstaltungen des. Vereins waren so überaus erfolgreich, dass das Konzertangebot nach dem Ersten Weltkrieg sehr schnell ausgeweitet wurde. In der Saison 1921/22 bot der Verein zwölf Konzerte an, 1922/23 waren es elf, im Jahr darauf acht. Und es gab bereits Großveranstaltungen. die im Schäffbräukellersaal veranstaltet wurden. Die Münchner Konzertgesellschaft für Chorgesang unter Eberhard Schwieckerath wurde yon rund 1000 Besuchern bejubelt. Erstmals gastierte 1923 ein großes Symphonieorchester, das Pfalzorchester. Ergänzt wurden viele Konzerte nun durch Einführungen, für die namhafte Musikwissenschaftler verpflichtet werden konnten. Der Konzertverein hatte seine Marktlücke gefunden.