Dass der Konzertverein über alle Wirren und Katastrophen des 20. Jahrhunderts hinaus Bestand hatte, zeigt schon allein die Bedeutung dieses immer ehrenamtlich geführten Ingolstädter Vereins, der es von vornherein verstand, weit über den regionalen Tellerrand hinauszublicken und ausgezeichnete, von der Presse umjubelte Klassik-Künstler und Kammermusikformationen nach Ingolstadt zu holen. Die Ingolstädter sind bis heute ein dankbares Publikum, das nach wie vor "hungrig" ist, die besten Musiker dieser Welt live zu erleben und außergewöhnliche Programme aufzusaugen, wie erst kürzlich bei der Aufführung von Olivier Messiaens Werk "Vom Ende der Zeiten". Die Künstler loben nach jedem Konzert die ungewöhnlich starke Präsenz des Publikums, sowohl zahlenmäßig als auch vom Interesse und der Konzentration auf die Darbietung!

Der Grundstein wird gelegt von einem musik-interessierten Sanitätsrat

1916 war es der Sanitätsrat Dr. Ludwig Liebl, der schon in den Kriegsjahren des Ersten Weltkrieges spürte, wie wichtig gerade in Zeiten höchster Not der Einfluss der klassischen Musik auf die Seele der stark gebeutelten und beunruhigten Menschen sein kann. Er selbst war wohl ganz im Geist des alten Bildungsbürgertums im "Studium generale" erzogen, komponierte selber, studierte bei Max Reger in München und hatte wohl sehr gute Kontakte zur Münchner Opernwelt, vor allem Liederabende mit den damals wohl beliebtesten Sängerstars standen bei den ersten Konzerten auf dem Programm. Marie-Lydia Günther oder Philippine Landshoff Königliche Hofopernsängerin, sagen uns zwar heute nichts mehr, waren damals aber wohl von Berlin bis München gefeierte Stars. Nach diesen vier privat finanzierten Konzerten folgte dann die Gründung eines Vereins 1917.
Aufführungsstätte war zuerst der Spiegelsaal des früheren OffIzierskasinos (heute Kolpinghaus), während der dunklen Jahre des NS-Regimes besuchte das Stammpublikum dort die Veranstaltungen der Organisation "Kraft durch Freude" vornehmlich mit ortseigenen Militärkapellen und berühmten Solisten dieser Zeit wie Elly Ney und Hans Pfitzner.
Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg (1946 bis 1950) waren in Ingolstadt die Aufführungen sämtlicher berühmter Messen und Oratorien mit den vereinigten Ingolstädter Chören unter Leitung des späteren Berufsschuldirektors Wilhelm Dinges, z.T. in den teilweise beschädigten Kirchen wie St. Moritz, ein Ersatz für alle zerstörten Strukturen.
Am 7. Juli 1950 wurde der Konzertverein als e.V. neu eingerichtet, und man nutzte eine Halle des EAW (Eisenbahn-Ausbesserungswerk) am Hauptbahnhof, ein Jahr später zog man um in die Dürnitz des Neuen Schlosses, danach in den alten Schäffbräukeller-Saal (heute Adolph-Kolping-Straße).
1966 war dann endlich der Festsaal des Stadttheaters fertig, und Publikum wie Künstler kamen in den Genuss eines besonders für klassische Kammermusik konzipierten und 1350 Plätze fassenden Konzertsaales des Architekten Hardt-Waltherr Hämer. In den 70/80er-Jahren gab es jahrelang W artelisten für über 200 konzertinteressierte Abonnenten. Einzelkarten wurden pro Konzert bei Krankheit zurückgegeben und telefonisch im Familienbetrieb vermittelt. Der Run auf die Weltklasse-Konzerte war ungebrochen!
Bis heute kann sich der Konzertverein über sein treues Abonnementpublikum freuen, das es im immer hektischer und oberflächlicher werdenden Alltag besonders schätzt, für etwa zwei Stunden in die wunderbare, unbezahlbare Welt der Klassik entführt zu werden, und das bei höchster Qualität und in der besonderen Atmosphäre des Festsaals, nahe dran an den sympathischen jungen Künstlern (meist) ohne Allüren. Hoffen wir darauf, dass uns dieser Rahmen möglichst lange erhalten bleibt, auch wenn Sanierungspläne für das Stadttheater längst im Raum stehen, andere, noch zu findende Lösungen werden den Verein hoffentlich nicht aus dem Konzept bringen und neue Formate eröffnen!

Die Reissmüller-Stiftung für den musikalischen Nachwuchs

Besondere Zuwendungen seitens Elin Reissmüllers, der Tochter des Gründervaters Dr. Liebl, machten auch unvergessliche Konzerte möglich, beispielsweise das für Ingolstadt einmalige Erlebnis mit Anne-Sophie Mutter und den Wiener Philharmonikern 2001 mit drei Violinkonzerten von Mozart, eine gemeinsame Veranstaltung von Konzertverein und den Audi-Sommerkonzerten.
1968 riefen Dr. Wilhelm und Elin Reissmüller den sogenannten Musikförderungspreis ins Leben, um "jungen Künstlern" zum Ende ihrer Studienzeit eine Plattform zu geben, um sich in einem Wettbewerbskonzert mit Mitstreitern aus den bayerischen Musikhochschulen zu messen.
Eine Fachjury bestimmt den Preisträger; jeweils drei Bewerber tragen ein etwa 30-minütiges Programm vor; darunter waren in den vergangenen knapp 50 Jahren so bekannte Namen wie Gerhard Oppitz, Veronika Eberle oder der Ingolstädter Roland Glassl.