Adolf Busch und Rudolf Serkin, Geige, Klavier



Hätte man um 1930 einen Klassikliebhaber nach dem wichtigsten Violinisten der Gegenwart gefragt, hätte man wahrscheinlich die Antwort bekommen: Adolf Busch.
Sogar ein, anderer berühmter Adolf (der wohl nicht wusste, dass Busch mit jüdischen Künstlern verkehrte) nannte ihn stolz "unseren deutschen Geiger", und Yehudi Menuhin, der sich bei ihm den letzten Schliff holte, erklärt: "Durch Adolf Busch habe ich das tiefe Erbe der deutschen Musik kennengelernt. In einer Art und Weise, die heute ganz unmöglich wäre, konnte er sagen, dass Bach, Beethoven und Brahms sein Eigentum waren. Adolf Busch ist vielleicht der letzte große, rein deutsche Musiker und Geiger gewesen. Eine ganz enge Partnerschaft verband ihn mit dem jüdischen Pianisten Rudolf Serkin, selbst ein weltberühmter, wegweisender Musiker. Am 23. März 1933 spielten sie für den Konzertverein und rissen das Publikum hin "zu nicht enden wollendem Applaus".
Die Ingolstädter Zeitung bescheinigte dem eingeschworenen Duo dann auch "Wundervolles Zusammenspiel, technische Höchstvollendung. tiefinnerliches Musikempfinden".
Das war eines ihrer allerletzten Konzerte in Nazi-Deutschland. Aus Protest gegen die ersten Judenverfolgungen gingen die beiden bereits im April 1933 in die Schweiz. "Ich fühle mich als Deutscher von dem, was geschieht, so angewidert, dass mir in der Atmosphäre die nötige Freude am Musizieren vergangen ist", bekannte Adolf Busch, der auch mit diesem Schritt seine Größe zeigte, sein tiefes Empfinden, seinen unbestechlichen Idealismus.



Martha Argerich, Pianistin



Sie war eine Frühvollendete. Ihre erste Schallplatte, die sie 1960 mit 19 Jahren aufnahm, bleibt eins der perfektesten und spannendsten Klavier-Recitals, die je eingespielt wurden. Ein Mädchen mit der blendenden Virtuosität eines Horowitz, aber mit einem erfrischend neuen Zugriff auf ein breites Repertoire.
Wie ein Blitz leuchtete das Phänomen Martha Argerich über der damals durchwegs von männlichen Titanen beherrrschten Szene. Joachim Kaiser glaubte sogar "eine Klavier-Göttin zu erleben", und angesichts der unfassbaren Wiedergabe eines höllenschweren Prokofjew-Satzes entfuhr ihm gar das Wort "satanisch".
Am 14. November 1966 spielte die Argerich für den Konzertverein und "eroberte sich Gunst und Herzen der Ingolstädter Musikfreunde im Sturm". So berichtete Wilhelm Zentner im DK und begeisterte sich besonders an der "faszinierenden Wiedergabe" von Chopins Polonaise-Fantasie op. 61. Über die seiner Meinung nach zu dramatische Wiedergabe von Beethovens „Les Adieux" -Sonate sah der Rezensent großzügig hinweg: "Man mag dieses Ungestüm dem jugendlichen Impuls zugutehalten."
Interessant ist, dass sie an diesem Abend bereits Bach spielte, die c-Moll-Toccata, mit der sie 1970 ihr Bach-Album eröffnet. Wer Argerich einmal anders kennenlernen will, sei diese nicht minder faszinierende - Einspielung ans Herz gelegt. Sie war früh vollendet, aber sie hat sich (heute vorwiegend mit Kammermusik befasst) weiterentwickelt und ist viele Wege gegangen.



Jaqueline du Pré, Cellistin



Viel Beifall für die Schotten" titelte der DONAUKURIER am 26. Oktober 1967. Der Rezensent ließ sich lange aus über das treffliche Scottish National Orchestra, aber das eigentliche Ereignis war der Auftritt von Jacqueline du Pré, der aufregendsten Cellistin des 20. Jahrhunderts. "Mit weit ausholendem Bogenstrich setzte sich die Künstlerin fiebernd temperamentvoll ein, stürmisch vorwärtsdrängend in den von heißer Sehnsucht erfüllten Passagen, zuweilen im Vibrato um eine Spur zu leidenschaftlich ... " Hört man heute ihre Aufnahme von Dvoraks Cellokonzert, klingt das Vibrato bei aller Intensität durchaus kontrolliert, aber allein schon der erste Themeneinsatz kommt als eine glutflüssige Eruption von Klang. Da ist er sofort: Dieser unverwechselbare, unbeschreibliche Ton, der einen unbändigen Liebes- und Lebenshunger zu bündeln scheint. Sonnig wirkte ihr Wesen, sie hatte gerne Spaß, und wenn sie spielte, schien sie fast in ein erotisches Verhältnis mit ihrem Instrument zu treten. Mit 28 Jahren trennte sie eine grausame Krankheit auf ewig vom geliebten Cello, mit 42 starb sie.
Vielleicht trug auch dieses tragische Schicksal dazu bei, dass Jacqueline du Pré weiterlebte als Mythos, durchaus vergleichbar mit Maria Cal1as oder Ianis Ioplin, Auch hinter ihrer Kunst wirkten die Triebkräfte ihrer Seele, und auch sie vermittelte mehr als ein bloßes Musikerlebnis. Sie bannte die Menschen mit einem fast orphischen Zauber, und ihr auf vielen Einspielungen und einigen Filmen dokumentiertes Schaffen tut das noch immer.



Bernard Haitink, Dirigent



Zu seinem hundertsten Geburtstag, 1988, bekam es das Prädikat "Königlich", und 2008 kürte es eine Umfrage unter Musikkritikern gar zum besten Orchester der Welt. Die Rede ist vom Royal Concertgebouw Orchestra, auf jeden Fall eines der ganz großen Traditionsorchester Europas. Klang und Technik der Amsterdamer sind einfach phänomenal.
Von 1961 bis 1988 war Bernard Haitink Chefdirigent, ebenfalls einer der ganz Großen. Man kann ihn hier in der Nähe noch regelmäßig erleben, mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Das klingt zunächst bescheiden, sachlich, völlig unspektakulär (und sieht auch so aus), aber allmählich baut sich die Musik, nehmen wir etwa Bruckners Fünfte, auf zu überwältigender Größe, die Haitink ganz aus dem Inneren der Komposition entwickelt. Er ist ein Spezialist für die symphonischen Schlachtschiffe, für Mahler, Bruckner, Schostakowitsch, aber unter seinen Händen kommen sie eben nicht schwerfällig oder aufgedonnert daher. Nachzuhören auf der BR-Klassik-CD mit Bruckners Fünfter.
1980, unterwegs mit seinen Amsterdamern, nahm er diesen Koloss mit auf Europatournee. Und wie es der Zufall wollte, verschlug es sie dabei auch nach Ingolstadt. "Sie ließen sich dort von Haitink zu eindrucksvollen dynamischen Steigerungen führen, in ihrer Antwort auf die ehernen, von den Blechbläsern machtvoll und makellos angestimmten Choralzeilen des letzten Themas aber zu feinst getönten ätherischen Nachhall evozieren." So, in nicht weniger machtvoll aufgetürmten Sätzen, schwärmte der DK-Kritiker von dem "gewaltigen Hörerlebnis".



Nikolaus Harnoncourt, Dirigent



Bewehrt mit Darmsaiten und ventillosen Trompeten, trat 1957 ein Grüppchen Wiener Musiker an die Öffentlichkeit: der Concentus Musicus unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt. Barockmusik sollte im Geist der Entstehungszeit erklingen. Dabei ging es keineswegs nur um museale Rekonstruktion: Es war ein Angriff auf das musikalische Establishment, auf den glatt gebügelten Schönklang des kommerziellen Betriebs. Harnoncourt wollte der Musik ihre Wahrhaftigkeit zurückgeben, sie "als Klangrede" neu entdecken, als Kunst, die wirklich etwas zu sagen hat. Anfangs als Spinner und Sektierer beschimpft, gilt der vor Kurzem verstorbene Harnoncourt heute als einer der einflussreichsten Musiker der Interpretationsgeschichte. Die sogenannte historische Aufführungspraxis gehört, zur Normalität im Musikbetrieb. 1981 holte Reinald Atzerodt die bereits berühmten Revolutionäre in den Festsaal. Harnoncourt leitete seinen Concentus noch vom Cello aus. "Da spielt ja das Ingolstädter Kammerorchester besser", habe, so erinnert sich Atzerodt, ein prominentes Mitglied des Konzertvereins ausgerufen.
Franz Hauk, der Experte, betonte allerdings im DK, "welch ausgefeilte Präzision im Zusammenspiel" herrschte, welch ,;aparte Wirkung" Harnoncourt den Streichern ohne Vibrato entlockte, wie "bestechend" der Rhythmus einer französischen Ouvertüre kam. Jedoch: "Das Publikum drängte zum Aufbruch." Die Zeit war einfach noch nicht reif für die Revolution in Ingolstadt. Heute sorgen die regelmäßig gastierenden Originalklang-Ensembles stets für Begeisterung im Konzertverein.



Svjatoslav Richter, Pianist



Als er 1960 erstmals im Westen spielte (in der New Yorker Camegie Hall), war er schon eine Legende. Als "Titan" oder "Gigant" des Klaviers wurde er gefeiert, einmütig von. Publikum, Kritikern und Kollegen. Rubinstein bekannte, niemals so einen Klavierklang gehört zu haben. Seit Horowitz hatte kein russischer Pianist derart Furore gemacht.
Doch anders als "der letzte Romantiker" gehörte der 1917 geborene Richter ganz der Moderne an, ein strenger Sachwalter des Notentextes in dessen Dienst er seine ungeheure Kraft und Virtuosität stellen wollte. Wenn er bisweilen brachial- aber auch mit faszinierend plastischem Klang - Chopin aus dem Flügel stanzte, muss man das heute nicht mehr mögen. Kongenial und einzigartig bleiben sein Prokofjew und Schostakowitsch, deren Modernität er mit seinen stählernen Pranken geradezu herausmeißelt.
Ganz gegen das Klischee des Tastenlöwen spricht seine intensive Beschäftigung mit Schubert und Bach, dem er 1991 auch ein Ingolstädter Konzert widmete. Im DK berichtete Heinz Zettel über diese "grandiose Bachdemonstration", die noch einmal das Genie des alten Richter offenbarte. Auch seine Marotten waren zu erleben. Bekanntlich spielte er nur in abgedunkelten Sälen, um die Konzentration ganz auf die Musik zu fokussieren (und vielleicht, um das Publikum nicht sehen zu.müssen). Der Konzertverein musste die obligatorische Leselampe heranschaffen und einen Umblätterer - der aber keine langen Haare und keinen Bart haben durfte. Es fand sich ein geeigneter Musikstudent, aber mit Bart. Der musste dann ab . . .



Anne-Sophie Mutter, Geigerin



Man sagt, Sie sind so selten bei den Berliner Philharmonikern, weil Sie so teuer sind." "Auch ich habe meinen Preis", antwortete Anne-Sophie Mutter in einem Interview mit der "Zeit". Diplomatisch. Es war jedenfalls eine Sensation, als sie 2001 die Sommerkonzerte beehrte, ein Auftritt, der in Zusammenarbeit mit dem Konzertverein ermöglicht wurde. Sie spielte Mozart, just die Werke, die sie 1978 mit Herbert von Karajan für ihre allererste Aufnahme gewählt hatte. Ihre Entdeckung durch den berühmten Maestro, ihr ästhetisches Auftreten (zumeist in Roben von Dior), ihre Medienpräsenz geben ihr einen Glamour-Faktor, der in der Klassik selten ist. Aber gerade dadurch erreicht sie auch klassikferne Schichten - ohne den Anspruch der Musik preiszugeben. Denn Anne-Sophie Mutter ist zugleich eine gebildete und intelligente Musikerin, die ihre Interpretationen sorgsam durchdenkt. Die sich für die zeitgenössische Musik einsetzt und neue Werke uraufführt. Die junge Talente fördert und sich humanitär engagiert.
Aber ihre Interpretationen sind nicht unumstritten. Sie enthalten so viel "Mutter", dass Puristen darin bisweilen Mozart oder Beethoven nicht wiederfinden. Ihr betörender Ton funkelt in Farben und Nuancen, die der kompositorische Zusammenhang nicht immer erfordert. Anne-Sophie Mutter kreiert magische musikalische Farbenspiele, die man sich vorher nicht einmal erträumen konnte." So befand auch Jesko Schulze-Reimpell in jenem Sommerkonzert, aber bescheinigte ihr zu Recht auch jene "tiefe Ernsthaftigkeit, die Gefühlsintensität, mit der sie sich Mozart nähert".




Peter Sadlo, Schlagzeuger



Sein Instrumentarium wurde lange nicht für voll genommen: Trommeln, Becken und andere Schlagwerkzeuge - wie soll man damit Musik machen? Edgar Varese komponierte 1930 mit "Ionisation" das erste eigenständige Musikstück für Percussion, aber erst Peter Sadlo verhalf dem Solo-Schlagwerk zu allgemeiner Akzeptanz im Konzertsaal. Und mehr noch, Sadlo hat neue Werke angeregt, das Instrumentarium weiterentwickelt und so Musikgeschichte geschrieben.
Der Mann war ein Phänomen: fränkische Kraftnatur und rhythmisches Präzisionswunder, Klangtüftler und Musikdenker. "Rhythmus gehört zu der ursprünglichsten Form, sich musikalisch auszudrücken, Von Herz und Pulsschlag animiert, wurden unsere Vorfahren instinktiv dazu geleitet, diesen Urrhythmus akustisch umzusetzen (…) I". So formulierte er sein Credo, und so lebte er es im Konzersaal. Selbst durch irrwitzige Partituren der Avantgarde bewegte er sich. als seien sie sein Lebenselement - und begeisterte so auch den „normalen" Klassikfan für Neue Musik.
Im Konzertverein Ingolstadt gastierte er seit 1994 mehrfach und gerne. Mich beeindruckte er 2007 besonders mit „Dead Strokes" von Minas Borboudakis. Da steigern sich trockene Schläge zu einem wilden Tanz von Kompliziertheiten, aber am Schluss singt ein geheimnisvolles Glöckchen den Abgesang. Das aber entpuppte sich als ganz banale Autofeder, die Sadlo behutsam von der Bühne trug. Dieses Jahr starb Peter Sadlo, ganz plötzlich, im Alter von nur 54 Jahren. Allen, die ihn erleben durften, wird er unvergessen bleiben.